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Alte Burg Penzlin
© I. Kittner 

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Schulprojekt Hexenverfolgung als individuelles Schicksal

Der Penzliner Hexenprozess gegen Benigna Schultzen (1699-1711)

1. Pädagogische Ziele und Absichten

In Mecklenburg-Vorpommern ist die Burg Penzlin mit ihren historischen Hexenverliesen ein Ort des Gedenkens. Es ist eine besondere Herausforderung an unser Gedächtnis, die Aussagekraft von 3.750 Hexereianschuldigungen in Mecklenburg in ihrer Summe aufzurufen und zugleich jedes Einzelschicksal mit Einfühlungsvermögen und Respekt zu betrachten. Der gut dokumentierte Penzliner Verfolgungsfall fordert noch heute zur Auseinandersetzung heraus. Was ereignete sich in den fensterlosen Verliesen der landesweit als eigentümlich bekannten Keller? Gab es kein Mitleid mit der Ehefrau des vergleichsweise wohlhabenden Ackerbürgers Christian Wünn? Welche Erklärungszusammenhänge bietet die Ausstellung des Museums für Vorgänge, die heute Schrecken und Abscheu auslösen?

Die Schüler lernen verstehen, dass das europäische Verfolgungsgeschehen regional und lokal nach jeweils spezifischen Bedingungen ablief. Sie erkennen, dass juristische Rahmenbedingungen und lokale Interessen zusammenwirkten. Sie festigen ihr Wissen über Aufgaben und Funktionen verschiedener Erzählperspektiven (auktorial, personal, Ich-Erzählperspektive) und üben sich im Umtexten. Sie begegnen zudem einer aktuellen demokratischen Debatte. Einige deutsche Städte haben ihre Hexenprozessopfer moralisch und sozialethisch in öffentlichen Gedenkveranstaltungen rehabilitiert. Öffentliche Verurteilungen wollen den Opfern „im Namen der Menschenrechte“ ihre Ehre zurück gegeben. Die Schüler lernen solche Erklärungen zu lesen. Sie vertreten in Gesprächen mit Mitschülern und Museumsmitarbeitern diesbezüglich ihre Meinung.

2. Beschreibung des Projekts

2.1. Einstimmung in das Thema bei der Betrachtung der Ausstellungswand „Namen und Schicksale“
2.2. Ermittlung der Namen der zwischen 1695 und 1700 in Penzlin hingerichteten drei, vermutlich aber vier Hexenprozessopfer (Gruppenarbeit), alternativ: Studium des Falls Catharina Behr (1580-1584) aus Neubrandenburg bzw. der Plonie Krögers (1570) aus Rostock (Gruppenarbeit)
2.3. Bericht der Projektleiterin über das Schicksal der Benigna Schultzen. Dabei notieren die Schüler Inhalte der Erst- und Zweitbezichtigung, raum-zeitliche Eckpunkte von Verfolgung, Flucht und Verteidigung sowie Details der Verschleppung der Vermögensrückerstattung. Sie arbeiten anschließend beim Umtexten mit ihren Notizen.
2.4. Vom auktorial (allwissend) erzählten Geschehen zum erlebenden und erzählenden Ich „Benigna Schultzen“. Mittels ihrer Notizen schlüpfen die Schüler in die „Haut“ der Verfolgten. Es erfolgt ein Wechsel von der dritten Person Singular hin zur grammatischen Ich-Form: „Ich bin Benigna Schultzen“... (Gruppenarbeit). Die Schüler lassen den Menschen hervortreten, indem sie das zuvor von der Museumsmitarbeiterin „allwissend“ erzählte Geschehen aus der Perspektive des Opfers (Ich-Erzählperspektive) darbieten. Dabei ist die psychische Verfassung des Opfers, die in den Quellen nicht überliefert ist, zu erfinden.
2.5. Vorstellung und Diskussion der entstandenen Lebens- und Verfolgungsgeschichten aus der eingenommenen Ich-Perspektive der Schultzen
2.6. Sozialethische Rehabilitation durch öffentliche Entschuldigungsakte - ethische Notwendigkeit oder ritualisierte „political correctness“? Diskussion von Für und Wider (Gruppenarbeit)

3. Teilnehmerzahl und Alter

Klassenstärke, 7. bis 11. Klasse (Programm nach Absprache variabel)

4. Zeitumfang

ca. 90 Minuten

5. Kosten

3,- Euro pro Schüler

6. Literaturempfehlungen

Gerda Riedl: Der Hexerei verdächtig. Das Inquisitions- und Revisionsverfahren der Penzliner Bürgerin Benigna Schultzen, Göttingen 1998.
Dieter Harmening, Andrea Rudolph: Hexenverfolgungen in Mecklenburg, Dettelbach 1999.
Hartmut Hegeler: Unterrichtsmaterialien. Hexenverfolgungen (für Sekundarstufe I und II im Religions-, Deutsch-, Sozialkunde- und Geschichtsunterricht), Overath 2005/2006.

7. Projektleitung

Irmtraud Kittner, Wiebke Hanke
Telefon: 03962 210 494
E-Mail: alte.burg@penzlin.de

Historischer Grundriss der Hexenkeller aus dem Jahre 1837. Kolorierte Federzeichnung. Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwein, Bildersammlung Orte, Penzlin, Mappe 12, Nr.4

Historischer Grundriss der Hexenkeller aus dem Jahre 1837. Kolorierte Federzeichnung. Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, Bildersammlung Orte, Penzlin, Mappe 12, Nr.4